Ein Interview mit Dr. Clemens Christmann von Verlagsleiter Normann Schneider
Zwischen Standortstärke und strukturellen Schwächen: IHK-Hauptgeschäftsführer Dr. Clemens Christmann über Mobilität, Wirtschaft, Innenstadtentwicklung – und warum Frankfurt sich nicht selbst im Weg stehen darf.
Normann Schneider: Herr Dr. Christmann, die Wahl ist gerade gelaufen. Mit welcher Erwartung schauen Sie auf die Kommunalpolitik?
Dr. Clemens Christmann: Wir hoffen auf mehr Wirtschaftsfreundlichkeit. Dass die Anliegen der gewerblichen Wirtschaft, der Geschäfte, der Gastronomie, der Büros und der vielen Dienstleister ernster genommen werden. Etwa beim Verkehr: Es geht darum, den Beschäftigten den Weg zur Arbeit zu erleichtern und den Kunden den Zugang in die Innenstädte und Stadtteilzentren. Die bisherige Verkehrspolitik erschwert das leider, etwa indem sie Autofahrspuren beseitigt und durch einen oft unzuverlässigen ÖPNV.
Das heißt, Sie sehen hier eine gewisse Schieflage?
Ja, die die Verkehrspolitiker in Stadt und Umland korrigieren sollten. Man kann nur das einkaufen, was geliefert wurde. Deshalb brauchen wir auch für Lieferverkehre freie Fahrt und genügend Zonen zum Be- und Entladen und nicht immer neue Vorschriften.
Unsere Unternehmen sind übrigens auch auf Handwerker angewiesen. Wenn es für die schwieriger wird, in die Innenstadt zu kommen, dann ist das auch ein Problem für unsere gewerblichen Betriebe.
Ein anderes Thema, das gerade diskutiert wird: Verpackungsteuer, kommunale Belastungen. Wie bewerten Sie das?
Die Stadt Frankfurt hat genügend Einnahmen. Es gibt keinen Grund, eine neue Steuer auf Verpackungen einzuführen. Das hilft beim Müllvermeiden nicht weiter. Sie schafft zusätzliche Bürokratie und belastet kleine Betriebe, gerade auch Kioske und Trinkhallen.
Das größere Steuerärgernis ist aber die Gewerbesteuer. Die ist schlicht zu hoch. Die sollte gesenkt werden. Der Hebesatz von 460 Punkten ist ein Nachteil im internationalen Standortwettbewerb.
Das heißt, eher Entlastung statt neuer Abgaben?
Genau. Und parallel sollte die Stadt ihre Aufgaben und Ausgaben sowie ihre Strukturen und Prozesse überprüfen. Sie sollte per Saldo nicht immer mehr Personal einstellen. Nötig ist ein Fokus auf die Standortqualität für Unternehmen. Gut ist, dass die Stadt zunehmend die Digitalisierung nutzt, damit die Services für Bürger und Betriebe besser und effizienter werden.
Wie steht Frankfurt aus Ihrer Sicht im Wettbewerb dar – national und international?
Frankfurt steht auf einem starken Fundament, das über viele Jahre gewachsen ist. Wir haben eine hervorragende Lage, einen Weltflughafen, einen tollen Messestandort, einen nationalen Eisenbahnknoten, gute Autobahnanschlüsse und einen Binnenhafen. Frankfurt ist das Finanzzentrum der EU. Und in den letzten Jahren ist es gelungen, Frankfurt zur europäischen Digitalhauptstadt zu entwickeln. Das wird auch künftig Wachstum bringen.
Das klingt nach einer stabilen Ausgangslage.
Ja, aber sie bleibt nur stabil, wenn die Politik sich auf ihre Kernaufgaben konzentriert und etwa die Industrieunternehmen entlastet.
Ein weiterer zentraler Punkt ist die Bildung. Wir brauchen bessere Berufsschulen mit zeitgemäßer und funktionierender Ausstattung. Denn die Anforderungen in der Arbeitswelt sind stark gestiegen. An dem umfangreichen Schulbauprogramm des Hochtaunuskreises der vergangenen zwei Jahrzehnte könnte sich die Stadt Frankfurt orientieren.
Wie steht es um die Industrie? Die IHK warnt oft vor Deindustrialisierung.
Ja, leider ist das nötig. Der Industriepark Höchst war und ist ein Juwel. Doch viele Industriebetrieben benachteiligt unser Staat gegenüber der Konkurrenz im Ausland: Höhere Strom- und Gaspreise, höhere Steuern und Abgaben sowie Überregulierung. Das sollte sich ändern. Nötig ist eine Energie- und Klimapolitik, die nicht gegen Teile der Industrie oder gegen unsere Airlines wirkt.
Ein Thema, das Sie eben schon gestreift haben: Wohnen und Mobilität.
Das ist ein doppeltes Problem. Vielerorts fehlt Wohnraum für die für die Unternehmen dringend benötigten Mitarbeiter, und gleichzeitig wird der ÖPNV unzuverlässiger.
Die eigentliche Frage ist doch längst: Kommt der Bus überhaupt? Kommt die Bahn? Oder muss ich vorsorglich eine Stunde früher losfahren?
Und wer keinen Wohnraum in Frankfurt findet, zieht ins Umland und ist oft auf genau diesen ÖPNV angewiesen. Wenn der nicht gut funktioniert, wird das schnell zu einem echten Standortproblem für die Wirtschaft.
Auch im Wettbewerb um Fachkräfte?
Ganz klar. Hochqualifizierte Nachwuchskräfte überlegen sich: Ist das hier für mich ein attraktiver Wohn- und Arbeitsort oder gehe ich woanders hin?
Deshalb brauchen wir mehr Wohnflächen, damit mehr Wohnungsbau möglich wird. Und gleichzeitig einen gut ausgebauten, sauberen, sicheren und vor allem verlässlichen ÖPNV.
Wie blicken Sie auf den Finanzplatz, konkret auch auf die Commerzbank?
Die IHK hat der Vorstandsvorsitzenden, Frau Dr. Orlopp, in der Vollversammlung die IHK-Ehrenplakette verliehen. Für ihre Leistungen und auch für ihre Bedeutung für den Finanzstandort. Das war ein klares Signal. Frankfurt profitiert davon, dass so viele Banken, Versicherungen und Finanzdienstleister hier ihren Sitz haben. Das ist eine der tragenden Säulen der wirtschaftlichen Stärke und der internationalen Strahlkraft dieser Stadt.
Bleiben wir in der Stadt: Handelslagen, Innenstädte, gibt es aus Ihrer Sicht so etwas wie einen Masterplan?
Innenstädte funktionieren dann, wenn es viele Gründe gibt, dorthin zu gehen. Gastronomie, Einzelhandel, Freizeit, Kultur oder auch schöne Grünanlagen. Neben der Aufenthaltsqualität ist die Erreichbarkeit ein zentraler Erfolgsfaktor. Klar ist: Viele große Umsatzbringer im Handel kommen häufig mit dem Auto.
Ein Punkt, der politisch nicht ganz unumstritten ist.
Frankfurter Verkehrspolitiker sollten nicht länger versuchen, Teile des Autoverkehrs zu verdrängen. Wir brauchen beides: gute Anbindungen mit Bus und Bahn, aber eben auch die Möglichkeit, mit dem Auto in die Stadt zu kommen. Mehr Park-and-Ride-Plätze sind ein Teil der Lösung. Weiterhin wichtig sind funktionierende Zufahrten, Parkleitsysteme und ausreichend Parkhäuser.
Viele Einkaufsstraßen wirken inzwischen sehr gleichförmig. Wie lässt sich das aufhalten?
Ja, Gleichförmigkeit ist wenig attraktiv. Wir haben aber auch viele funktionierende Lagen. Und die sollten wir erhalten. Nicht nur in der Innenstadt, auch in den Stadtteilen.
Straßen wie die Leipziger Straße, der Oeder Weg, die Berger Straße oder die Schweizer Straße sollten gestärkt werden.
Frankfurt versteht sich als Digitalstandort. Wo stehen wir da?
Wir sind digitale Hauptstadt und wollen das bleiben. Es geht um Daten, Infrastrukturen, digitale Geschäftsmodelle.
Auch die Verwaltung wird digitaler. Und wer weniger Papier und weniger Behördengänge will, braucht die entsprechende Infrastruktur. Das heißt: Rechenzentren und Glasfasernetze. Rechenzentren sollten im Stadtgebiet auch dezentral zugelassen werden, auch um deren Abwärme sinnvoll zu nutzen.
Ein Spannungsfeld, das damit zusammenhängt: Energie und Versorgung.
Ein Riesenthema. Es gibt eine Knappheit an Stromnetzkapazitäten. Sie reichen noch nicht für alle gleichzeitig, für Wohnungen, Gewerbe, Industrie oder Rechenzentren.
Der klimaneutrale Umbau des Energiesystems sollte gewiss ambitioniert fortgesetzt werden. Aber er sollte die vielen wirtschaftlichen und technischen Restriktionen besser berücksichtigen. Ein flächendeckender Strom-Blackout, wie zuletzt in Spanien, darf bei uns nicht passieren! Gut ist, dass mittlerweile auch intensiv über Wärme diskutiert wird. Frankfurt formuliert gerade seine kommunale Wärmeplanung. Die IHK sieht im Fernwärmeausbau viele Chancen. Es braucht aber genügend Zeit und finanzielle Machbarkeit – und bitte keinen Anschluss- und Benutzungszwang im Wohnungsbestand.
Was fehlt Frankfurt im Moment am meisten?
Sicherheit und Sauberkeit. Nicht nur im Bahnhofsviertel – aber dort besonders. Für Kunden in Geschäften und Gaststätten, für Touristen, für Investoren.
Das ist eine Frage der Priorität. Es sollte Chefsache sein.
Und gleichzeitig brauchen die, die dafür sorgen – etwa Polizei und Stadtreinigung – mehr Unterstützung und Anerkennung. Und es braucht wieder ein gemeinsames Verständnis: Vermüllung ist kein Kavaliersdelikt.
Weil das auch über die Attraktivität der Stadt entscheidet?
Genau. Die Frage ist doch: Wollen die „Brains“ von morgen hier leben oder gehen sie nach London, Paris oder Madrid? Und mit ihnen viele weitere Jobs. Deshalb sage ich: Mainhatten sollte mindestens so sauber sein wie Manhattan. Da haben wir aktuell einen Rückstand.
Wenn Sie morgen eine Sache ändern könnten – was wäre das?
Spontan: das Parkleitsystem anschalten. Ich verstehe nicht, warum das nicht funktioniert.
Ihr Lieblingsort in Frankfurt?
Wenn ich aus dem Städel Museum komme und auf die Skyline schaue. Kunst und Kommerz, Altes und Neues, das ist wirklich einzigartig.
In zehn Jahren stelle ich mir Frankfurt wie folgt vor …
Busse und Bahnen kommen pünktlich. Und der Hauptbahnhof ist wieder ein Ort, an dem man sich gerne trifft.
Frankfurt in drei Worten?
Herz von Europa.
Dr. Clemens Christmann
Dr. Clemens Christmann (52) ist Hauptgeschäftsführer der Industrie- und Handelskammer Frankfurt am Main. In dieser Funktion vertritt er die Interessen von 109.000 Unternehmen aus Industrie, Handel und Dienstleistung in Frankfurt und in den Landkreisen Main-Taunus und Hochtaunus. Die IHK Frankfurt ist die zweitgrößte IHK in Deutschland.
Christmann leitet die IHK mit 270 Mitarbeitern. Das Aufgabenspektrum umfasst 80 hoheitliche Aufgaben – etwa pro Jahr 5.000 Ausbildungsprüfungen oder über 20.000 Exportdokumente. Hinzu kommen Services, etwa rund um Fachkräfte, Digitalisierung, Unternehmensgründung und rechtliche Fragen. Ein weiterer Schwerpunkt der Arbeit ist die politische Interessensvertretung gegenüber Politik und Verwaltung.
Der promovierte Volkswirt ist seit einem Jahr in der IHK tätig. Zuvor hat er 16 Jahre für die hessischen Unternehmerverbände gearbeitet, davor im hessischen Wirtschafts- und Verkehrsministerium in Wiesbaden. Seinen Berufsweges begann er in einem Tageszeitungsverlag in Mainz. Er ist seit 30 Jahren verheiratet, seine Frau und er haben vier erwachsene Söhne.
Foto: IHK Frankfurt am Main/David Vasicek









