Für viele ist Höchst das, was am S-Bahn-Fenster vorbeizieht, und dabei denkt man vielleicht kurz: War das nicht irgendwas mit Chemie? Ja. Aber eben nicht nur. Wer hier aussteigt – und das tun tatsächlich Menschen –, landet in einem Stadtteil, der sich keine Mühe gibt, auf Anhieb zu gefallen. Das ist keine Schwäche. Das ist Programm. Zwischen mittelalterlichem Altstadtkern, Industriepark, Main und Marktgasse existiert ein Frankfurter Ort, der mehr Vergangenheit trägt als die meisten seiner Nachbarn und trotzdem ganz gegenwärtig funktioniert. Bolongaropalast, Fachwerk, Justinuskirche – das klingt nach Reiseführer. Ist es aber nicht. Denn Höchst macht kein Aufhebens um sein Erbe. Es lebt einfach damit.
Fremde brauchen manchmal zwei Besuche, um anzukommen. Wer länger bleibt, merkt: Hier wurde nie versucht, modern zu wirken. Und genau deshalb ist Höchst auf seine eigene, unaufgeregte Art ziemlich zeitlos.

BU: Zwischen Fachwerk und Industriepark (Foto: EvaK • CC BY-SA 2.5)
Steinerne Zeitkapsel über dem Main
Das Schloss mitten in Höchst setzt sich nicht in Szene. Kein Ticketschalter mit Wartezeit, keine Audioguide-Schlange. Was hier steht, ist ehrlich Jahrhunderte alt: der Bergfried aus dem 14. Jahrhundert, die barocke Haube, die ihm seine unverwechselbare Silhouette gibt, der Gewölbekeller als stiller Überlebender des Dreißigjährigen Krieges. Heute gehört das Schloss der Deutschen Stiftung Denkmalschutz, beherbergt ein Museum zur Höchster Geschichte und bietet von der Terrasse einen Blick über den Main, der jeden Tourismusprospekt überflüssig macht. Und wer den Sommer plant: Vom 3. bis 12. Juli 2026 verwandelt sich der Schlosshof beim Höchster Schlossfest in eine der stimmungsvollsten Freiluftbühnen Frankfurts – seit 1957 ein fester Termin, kein touristischer Einfall.

Industrie als Architektur
Wer von Industrie spricht, denkt selten an Schönheit. Der Peter-Behrens-Bau denkt das für alle um. Zwischen 1920 und 1924 als technisches Verwaltungsgebäude der Farbwerke Hoechst errichtet, ist dieses Bauwerk heute eines der bedeutendsten expressionistischen Industriedenkmäler Deutschlands. Im Inneren ein spektralfarbig gestalteter Lichthof mit drei kristallartig angelegten Glaskuppeln, Bauhaus-Ornamente, Lampen und Türgriffe von Behrens selbst – manches nennt ihn auch „umbautes Licht”. Sein markanter Turm war jahrzehntelang das Firmenlogo der Hoechst AG.
Zugänglich ist das Gebäude nur an bestimmten Führungsterminen, ab 14 Jahren, mit Personalausweis. Die Plätze sind begehrt – und regelmäßig ausgebucht. Wer reinkommt, versteht: Hier wurde Industrie als Gesamtkunstwerk gedacht. Ein Satz, den man sich merken sollte – auch danach.

Kunst trifft Espresso
Manchmal braucht Gegenwartskunst keinen Whitecube. Drew Camell beweist das. Der in Frankfurt ansässige Künstler arbeitet an der Schnittstelle zwischen altmeisterlicher Ölmalerei und zeitgenössischem Diskurs – klassische Lasurtechniken treffen auf Chiaroscuro, handwerkliche Präzision auf satirische Gesellschaftsanalyse. Das klingt auf den ersten Blick schwer. Ist es beim Hinschauen nicht. Mit seinem Solo-Showcase in der Bar O’Velen – einer italienischen Bar in Frankfurt-Höchst, die es schafft, Espresso-Kultur und zeitgenössische Malerei unter einem Dach zu versammeln – macht Camell aus einem Kiez-Café kurzerhand einen Ausstellungsraum mit Tiefgang. Wer denkt, Fine Art gehört ausschließlich in die Schirn: falsch gedacht. Manchmal hängt sie dort, wo man auch einen guten Aperitivo bekommt. Das ist, mit Verlaub, die bessere Ausstellungssituation.

Kaffee ohne Konzeptstress
Es gibt Cafés, die viel von Gemütlichkeit reden. Und es gibt das Café Frau Grau. Das macht es einfach. Die Entstehungsgeschichte ist so unwahrscheinlich wie stimmig: Frau Nauth übernahm Anfang des 20. Jahrhunderts eine Wohnung mitsamt der Möbel der Vorbewohnerin – einer Dame namens Frau Grau – und eröffnete später ein Café, das sie nach ihr benannte.
2019 übernahm Ferhat Kulak das Café als Familienbetrieb – ohne das Erbe anzufassen, aber mit neuen Impulsen. Hausgemachter Kuchen, guter Kaffee, Spiele für Kinder. Gäste nennen es ein Mini-Museum. Das stimmt so halb – es ist vor allem ein Ort, an dem man nicht hetzen will. Wer die Altstadt besucht, sollte hier beginnen. Oder enden. Beides funktioniert.
Grün ohne großes Programm
In einer Stadt, die sich gerne selbst als durchgetaktet beschreibt, braucht es Orte, an denen niemand etwas von einem will. Der Höchster Stadtpark ist so ein Ort. 14,6 Hektar, angelegt zwischen 1908 und 1911 auf ehemaligem Sumpfgelände – damals als Volkspark für die wachsende Industriestadt geplant, heute Landschaftsschutzgebiet und Teil des Frankfurter Grüngürtels. Der Weiher mit Bogenbrücke und Seerosenfläche ist noch immer da, der alte Baumbestand auch. Liegewiesen, Spielplatz, Kleingartenanlagen, und im Nordwesten, fast unbemerkt, der alte Höchster Friedhof. Der Park macht keine Anstalten, ein Event zu sein. Er ist einfach da, seit über hundert Jahren, und lässt die Leute in Ruhe. In Höchst ist das keine Seltenheit. Aber im Park fühlt es sich besonders richtig an.











