Das aktuelle Interview mit Eduard M. Singer, Citymanager der Stadt Frankfurt am Main, führte Normann Schneider, DER FRANKFURTER – Verlagsleiter/Chefredakteur.
(NORSCH) Frankfurt am Main, das ist mehr als Skyline, Messe und Finanzplatz. Frankfurt ist eine Stadt der Kontraste – und der Möglichkeiten. Einer, der sich um diese Möglichkeiten kümmert, ist Eduard M. Singer. Seit Oktober 2020 ist er Citymanager der Stadt Frankfurt am Main und leitet die Stabsstelle Stadtmarketing. Im Gespräch wird schnell deutlich: Singer denkt Stadt nicht in Events, sondern in Identität. Und das mit großer Leidenschaft.
Normann Schneider: Herr Singer, wenn Frankfurt für Sie keine bloße Idee, sondern eine Haltung ist – wie zeigt sich diese Haltung konkret im Stadtmarketing? Können Sie ein Beispiel nennen, das diesen Ansatz greifbar macht?
Eduard M. Singer: Das OPEN VIERTEL, Nachfolge der Bahnhofsviertelnacht, ist für uns keine Einzelveranstaltung. Sie ist ein Aspekt und Ausdruck dessen, was wir seit Jahren im Bahnhofsviertel gemeinsam mit den vielen Akteuren, den Gewerbevereinen, Initiativen, der Wirtschaft, sozialen Einrichtungen und zuständigen Ämtern aufgebaut haben. Es geht um Community Building, um Willkommenskultur, Raumgestaltung – denken Sie an das Placemaking am Kaisertor – um das Bewusstwerden von Qualität in einem Viertel, das oft nur durch negative Schlagzeilen auffällt.
Sie haben das Kaisertor angesprochen, das heute ganz anders wirkt als noch vor wenigen Jahren. Was hat das mit Stadtmarketing zu tun?
Genau. Die Transformation vom Kaisersack zum Kaisertor könnte man als „Stadtmarketing im Raum“ bezeichnen. Der Kaisersack war ein vernachlässigter, unübersichtlicher Ort, der durch Gestaltung, Kommunikation und Beteiligung neu definiert wurde. Anlass für die Umgestaltung war sicherlich die UEFA EURO 2024. Der Prozess ist aber noch in vollem Gange und das Stadtmarketing mittendrin. Die Umbenennung zum Kaisertor ist ein Perspektivwechsel, von der gefühlten „Sackgasse“ zum Tor zur Innenstadt. Die Sicherheit wurde erhöht, der Raum neu geordnet, gestalterische Akzente gesetzt. Es gib dort einen temporären Kiosk der koreanisches Streetfood, anbietet. Das zieht junge Menschen an und ist instagrammable. Der Ort wird übrigens vom Gewerbeverein Treffpunkt BHV e.V. kuratiert.
Das OPEN VIERTEL zeigt, wie sich das Bahnhofsviertel als urbanes Quartier neu erfindet. Ein ganz anderes Bild von Frankfurt zeigt der Rooftop Day. Eine Veranstaltung, die buchstäblich neue Perspektiven eröffnet.
Bisher ging es in unserem Gespräch um Stadtmarketing im Quartier – darum, durch Beteiligung die DNA eines Ortes sichtbar zu machen. Der Rooftop Day weitet den Blick: Er zeigt Frankfurt als vertikale Stadt. Die Stadtverordnetenversammlung hat das Format initiiert, wir durften es umsetzen. Unter dem Motto „Ganz oben, ganz Du“ machen wir erlebbar, was Frankfurt einzigartig macht – nicht nur durch die Aussicht, sondern durch Haltung und Perspektive. Der Masterplan Erlebnis City wird in 2026 erstmals evaluiert.
…und doch geht es um mehr als nur Aussicht.
Natürlich. Es geht um weit mehr als nur Aussicht. Der Rooftop Day schafft Orte, die verbinden – Menschen, Perspektiven, Stadtteile. Wir zeigen, wo Höhe in Frankfurt nicht exklusiv, sondern zugänglich ist. Bei der Premiere waren knapp 40 Orte dabei: Rooftops, Terrassen, Balkone, gewerbliche Veranstalter ebenso wie Kulturstätten, Unternehmen, Vereine – sogar der Balkon des Oberbürgermeisters war dabei. Unser Ziel ist, dass Frankfurt künftig als Stadt der Höhe erlebbar wird. Der Rooftop Day ist eine von vielen Maßnahmen, mit denen wir Menschen – ob hier lebend oder zu Besuch – einen weiteren Anlass geben, sich zu begegnen und die Stadt neu zu entdecken. Dabei entsteht nicht nur ein besonderes Event, sondern auch eine neue urbane Infrastruktur und ein echter touristischer Mehrwert. Es ist ein Statement für Offenheit, für Gemeinschaft und für die Haltung dieser Stadt. Der RooftopDay 2026 wird am 06.Juni stattfinden.
Sie schaffen mit dem Rooftop Day nicht nur Erlebnisse, sondern auch Strukturen. Ist Stadtmarketing inzwischen mehr als nur Imagepflege?
So ist es. Unser Stadtmarketing ist eine echte Querschnittsorganisation. Wir arbeiten ämter- und dezernatsübergreifend – immer im Sinne der Bürgerinnen und Bürger und für eine lebenswerte, attraktive Stadt Frankfurt am Main. Gleichzeitig sind wir auch nach außen stark vernetzt: mit Kulturinstitutionen, Gewerbetreibenden, Initiativen, Tourismuspartnern, Verbänden und vielen weiteren Akteuren der Stadtgesellschaft. Denn Stadtmarketing funktioniert nur im Zusammenspiel.
Nach Skyline und Hochhausbalkon geht es nun ganz bewusst wieder auf Straßenniveau: Mit dem Tag der Trinkhallen widmen Sie sich einem ganz anderen Stück Frankfurter Identität – den Wasserhäusje. Was steckt hinter dem neuen Format?
Die Wasserhäuschen sind echte Frankfurter Originale – seit fast zwei Jahrhunderten Teil des Stadtbilds und der Stadtgesellschaft. Sie sind niedrigschwellige Treffpunkte, soziale Knotenpunkte, Orte der Begegnung – und das über Generationen hinweg. Schon 2017 gab es eine erste Initiative von engagierten Bürgerinnen und Bürgern, die diesen besonderen Orten einen eigenen Tag widmen wollten. Leider wurde das damals nicht weitergeführt. Wieder ist ein Beschluss der Römerkoalition Anlass, dass sich das Stadtmarketing dem Thema annimmt. Wir greifen die gute Arbeit der Akteure von damals auf und führen sie in die Zukunft: als stadtweites Format, das die kulturelle, soziale und architektonische Bedeutung der Wasserhäuschen sichtbar macht. Der Tag der Wasserhäuschen am 12. September 2026 soll nicht nur würdigen, sondern auch vernetzen – Betreiber, Künstler, Nachbarschaften. Es geht um gelebte Stadtidentität, um das, was Frankfurt ausmacht: nicht importiert, sondern gewachsen. Genau da setzt unser Stadtmarketing an.
Gleichzeitig steht Frankfurt vor Herausforderungen. Leerstand in der Innenstadt, verschwindende Nahversorgung in den Stadtteilen …
Das stimmt – Leerstand ist ein Thema, das uns alle beschäftigt. Das strategische Management liegt bei der Wirtschaftsförderung, aber wir als Stadtmarketing sind punktuell eingebunden, wenn es um kreative Nutzungsideen oder temporäre Bespielung geht.
Was wir aktiv tun, ist die Innenstadt als Erlebnisraum zu stärken – gemeinsam mit Partnern aus Handel, Gastronomie, Hotellerie und Kultur. Ein Beispiel dafür ist „Zu Gast in Frankfurt“: eine Initiative, die wir zusammen mit dem Handelsverband und der IHK entwickelt haben, um gezielt Besucher aus dem Umland anzusprechen und die Innenstadt zu beleben.
Was ist die Idee bei „Zu Gast in Frankfurt“?
Am 1. November – dem Feiertag in den Nachbarbundesländern – haben wir mit verlängerten Öffnungszeiten, Märkten, Kunstinstallationen, Musik und attraktiven Angeboten zum Besuch eingeladen ein. In der zweiten Ausgabe 2025 wurde auch der öffentliche Raum stärker bespielt. Aktionen auf der Konstablerwache – Hauptwache – Rossmarkt – Opernplatz umgeben von Märkten, Foodtrucks, Kunstinstallationen, Performancekünstler und einiges mehr lockerten die Einkaufsatmosphäre auf. Auch vergünstigter ÖPNV wurde angeboten! Unser Ziel: echte Erlebnisse schaffen, die Menschen in die Stadt bringen und die Zusammenarbeit der Innenstadtakteure stärken wurde erreicht. Parallel dazu arbeiten wir an einer umfassenden Innenstadtkampagne, die Frankfurt als lebendigen, vielfältigen und offenen Ort positioniert.
In diese Richtung zielte auch der Masterplan ErlebnisCity, der vor einigen Jahren verabschiedet wurde. Ist der noch aktuell?
Absolut. Der Masterplan ErlebnisCity ist unser Rucksack – wir arbeiten aktiv damit, viele unserer Maßnahmen leiten sich direkt daraus ab. Ein Beispiel ist die Gestaltung urbaner Räume: die farbige Fassade der E-Kinos, neue Handläufe auf der Konstablerwache oder die bemalten Gullydeckel im Bahnhofsviertel. Ziel ist es, das Grau der Stadt in ein bisschen mehr Bunt zu verwandeln. Auch die Veranstaltungsqualität wird gestärkt – etwa mit Formaten wie „Jazz zum Dritten“, dem Altstadtfest vom 3. bis 5. Oktober 2025 oder den Lampionfesten im Rahmen von „100 Jahre Neues Frankfurt“. Hinzu kommen Pilotprojekte wie der Paradiesplatz in Alt-Sachsenhausen, aber auch Themen wie Sicherheit, Sauberkeit, Service.
Wenn Sie auf Ihre Zeit im Stadtmarketing zurückblicken: Was empfinden Sie als besonders gelungen?
Es macht mich stolz, dass wir als Stadtmarketing als Dienstleister, Kümmerer und kreative Einheit wahrgenommen werden und dass wir durch unser Handeln und unsere Arbeit Vertrauen schaffen. Wir haben Orte verändert, Wahrnehmung verschoben, neue Blickwinkel ermöglicht. Und wir haben Frankfurt dabei nie als Kulisse gesehen, sondern als Stadtgesellschaft, die gemeinsam etwas aufbaut. Die Stabsstelle Stadtmarketing arbeitet strukturell und konzeptionell, entwickelt neue und nachhaltige Konzepte, ist Veranstalter, fördert und unterstützt, ist Bindeglied in Geschäftsstellentätigkeiten und ist ein wichtiger Kommunikator im Sinne der Marke Frankfurt am Main. Ich bin stolz auf mein Team und auf unsere Arbeit! Ich bin aber auch unserer Dezernentin Frau Stephanie Wüst unglaublich dankbar für Ihre stetige Unterstützung und Stärkung des Stadtmarketings. Ihrer Idee von Stadtmarketing, das Vertrauen und der sehr engen Zusammenarbeit ist das Wachsen der Stabsstelle Stadtmarketing zu verdanken. Stadtmarketing ist, auch in anderen Kommunen dann stark, wenn es Rückendeckung von der Politik hat und als wichtiger Faktor in seiner Rolle als Querschnittsakteur erkannt wird.
Bei allem was wir tun, geht es uns darum die Werte, die Haltung und den Charakter der Stadt Frankfurt am Main sichtbar zu machen.
Apropos Gesellschaft: Die Luxushotellerie kehrt zurück – wie passt das in Ihre Sicht auf die Stadt?
Ich bin von Haus aus Hotelier – da schlagen zwei Herzen in meiner Brust. Aber auch als Stadtmensch sage ich: Brand- und Luxushotels tun Frankfurt gut. Wir brauchen sie für Kongresse, für internationale Gäste und wichtige Segmente, für Städtereisende. Der Markt hat sich erholt, das Vertrauen ist zurück, und ja – es ist eine Renaissance. Die neue Luxushotellerie bringt Strahlkraft, und das ist wichtig für das internationale Stadtbild.
Wenn wir über urbanes Leben sprechen, gehört auch die Nacht dazu – nicht nur als Zeit, sondern als Lebensraum. Das Stadtmarketing hat die Entwicklung des Frankfurter Nachtrats eng begleitet und zeichnet auch als Geschäftsstelle.
Welche Rolle spielt die Nachtkultur für eine lebendige Innenstadt?
Die Nacht ist Teil der Stadtgesellschaft – nicht nur mit Clubs, sondern mit Gastronomie, Veranstaltungen, Mobilität, Spätkultur und allem, was zwischen 22 Uhr und 5 Uhr passiert. Mit dem Nachtrat haben wir ein Gremium geschaffen, das ganz bewusst interdisziplinär arbeitet – mit Verwaltung, Sicherheitsbehörden, Anwohnenden, Wissenschaft und Kultur – um gemeinsam an einer lebenswerten, inklusiven und sicheren Nachtstadt zu arbeiten, die soziokulturell und ökonomisch eine enorme Bedeutung für eine Metropole haben kann. Mit der Implementierung des Nachtrats haben wir einen parlamentarischen Beschluss umgesetzt. Der Nachtrat besteht aktuell aus 15 Mitgliedern. Projekte wie „uffdiegass-Paradieshof“, Bürgerdialogforum, Studie Nachtökonomie wurden vorgelegt. Laut Studie weist die Nachtökonomie eine Wertschöpfung von 421,8 Mio. Euro aus. Zahlen sind ein wirtschaftliches Indiz für die Bedeutung der Nachtökonomie aber auch die Steigerung der Lebensqualität sind unmittelbare Indikatoren.
Stichwort Zukunft: Gibt es etwas, das Ihnen persönlich besonders wichtig ist, vielleicht sogar ein echter Herzenswunsch?
Besonders am Herzen liegt mir der Main. Ich wünsche mir, dass er endlich als verbindender Raum verstanden wird – als öffentlich zugänglicher Ort am Wasser, der Ruhe, Gemeinschaft und städtische Qualität vereint. Wir wollen das Wasser stärker ins Stadterleben holen. Der Fluss trennt zu oft – er könnte viel mehr verbinden.
Ein öffentlicher Ort am Wasser – das klingt nach einer Vision???
Ja, wenn ich frei wählen dürfte, würde ich genau so einen Ort schaffen. Einen Stadtbalkon am Main – ohne Konsumzwang, mit Kultur, mit Ruhe, mit Blick. Und wenn noch ein zweiter Wunsch erlaubt ist: ein Haus für alle. Ein Haus, in dem Stadt, Kultur und Gesellschaft auf Augenhöhe zusammenkommen. Nicht als Szeneort, sondern als Herz der Stadtgesellschaft. Das wär’s.
Zum Schluss ein Satz – bitte vollenden Sie ihn: In zehn Jahren ist Frankfurt …
…eine Stadt, die Vielfalt nicht nur aushält, sondern als Stärke begreift. Eine Stadt, die offen bleibt, aber nicht beliebig ist. Die wachsen darf, aber nicht entgleitet. Eine Stadt, die Verantwortung übernimmt – für sich selbst, für ihre Menschen, für das, was kommt. Wenn wir das schaffen, ist Frankfurt Wirtschaftsstandort und kulturelle Kraft – mitten in Europa. Eine Stadt mit der höchsten Lebensqualität!
Foto: Stadt Frankfurt am Main/Eduard M. Singer








