Die deutschen Innenstädte sterben leise: Leerstände und Online-Handel verdrängen das Leben. Doch im Fall von Galeria ist die Misere vor allem hausgemacht. Missmanagement und Gier ziehen die Kaufhauskette seit Jahren immer weiter in den Abgrund. Wäre die Krise vermeidbar gewesen?

Galeria, einst eine der prägendsten Kaufhausketten Deutschlands, steht seit langem mit einem Fuß am Abgrund. Nicht nur wegen externer Marktherausforderungen, sondern auch wegen groben Fehlern in der Unternehmensführung. Denn die anhaltende Krise mit immer neuen Liquiditätsengpässen ist nicht nur fremdverschuldet, wie ein Branchenkenner gegenüber dem Berliner Abendblatt berichtet.

Zwar ist eine Galeria-Insolvenz nach Wochen der Unruhe dank einer Finanzspritze durch Gordon Brothers vorerst abgewendet, doch die Lage bleibt angespannt. Die 160 Millionen Euro des auf Pleite-Firmen spezialisierten US-Kreditgebers sind an einen auf drei Jahre angelegten Sanierungsplan geknüpft, der jetzt umgesetzt werden soll. Dieser könnte für einen Teil der Belegschaft allerdings schmerzhafte Folgen haben: Etwa 30 der derzeit 83 Warenhäuser gelten als Wackelkandidaten und sollen gründlich geprüft werden. Laut Plan dürfte die Kette in drei Jahren ein deutlich kleineres Filialnetz haben. „Wir durchleuchten das gesamte Filialnetz, denn jedes Haus soll künftig wirtschaftlich tragfähig sein“, sagt Galeria-Geschäftsführer Tilo Hellenbock. Zugleich soll mit Vermietern über Mietsenkungen sowie flexiblere Konditionen verhandelt werden.

Die Wurzeln der Krise

Der Niedergang des Einzelhandels in deutschen Innenstädten ist kein Einzelschicksal von Galeria, sondern ein flächendeckendes Phänomen: Allein im Jahr 2026 werden laut Prognose des Handelsverbands Deutschland (HDE) fast 5.000 Geschäfte verschwinden. Ein dramatischer Rückgang, der die strukturellen Probleme des stationären Handels unterstreicht. Hinzu kommt ein starker Anstieg der Insolvenzen: Zwischen August 2024 und August 2025 verzeichnete der deutsche Einzelhandel 2.490 Insolvenzen, nur knapp unter dem Negativrekord von 2015/2016.

„Die anderen Marktteilnehmer haben die gleichen Herausforderungen“

Doch warum steht ausgerechnet Galeria, einst aus den Konkurrenten Karstadt und Kaufhof entstanden, immer wieder in den Schlagzeilen? „Die anderen Marktteilnehmer haben die gleichen Herausforderungen“, so der Branchenkenner. „Temu, Innenstadtlage und der starke Wettbewerb.“ Bei Galeria sei es aber viel schlimmer. Spätestens seit der Affäre rund um den österreichischen Investor René Benko und sein Firmenimperium Signa Holding verschärften sich die Probleme beim einstigen Innenstadtmagneten deutlich.

Kurzzeitige Hoffnung bestand im Jahr 2024 während der dritten Galeria-Insolvenz innerhalb von vier Jahren, als die Warenhauskette zumindest kurzzeitig umsatzstabil war. Doch seit der Übernahme der Geschäftsführung durch ein neues Management im Jahr 2025 verschlechterte sich die Lage erneut drastisch: 2025 lag der Umsatzrückgang bei vier Prozent, im Jahr 2026 bereits bei zehn Prozent, bei einem zusätzlichen Margenrückgang von drei Prozent. Der Gesamtertrag ist seit der Übernahme um 14 Prozent gesunken.

Der ignorierte Rettungsplan

Dabei existierte nach Informationen des Berliner Abendblatts ein klarer Plan, um die Krise abzuwenden. Noch im Sommer 2025 hatte das Management einen detaillierten Turnaround-Plan erarbeitet: Kooperationen mit Partnern wie ADAC oder Santander Bank sollten neue Umsatzquellen erschließen, während gleichzeitig die Kosten radikal gesenkt wurden – von einer Milliarde Euro auf 750 Millionen Euro. Doch „kein einziges Thema ist wirklich in die Umsetzung gegangen“, heißt es. Stattdessen habe das operative Team strategische Defizite gezeigt und „unqualifizierte Mitarbeiter“ um sich geschart, oft ehemalige Kollegen, die in vorherigen Positionen gescheitert waren.

Inwieweit sich der jetzige Sanierungsplan von Geschäftsführer Tilo Hellenbock von dem von 2024 unterscheidet, bleibt noch offen. Der Brancheninsider vermutet uns gegenüber, dass es sich lediglich um ein Recycling alter Pläne handelt, die bisher nie umgesetzt wurden. Auch der Betriebsrat der Warenhauskette beschwert sich laut internen Quellen über die mangelnde Kommunikation bezüglich des weiteren Vorgehens bei Galeria. Während die Geschäftsführung mitgeteilt habe, dass die Neuausrichtung im engen Austausch mit den Mitarbeitenden umgesetzt werde, wüsste man seitens des Betriebsrats wie „der enge Austausch mit den Mitarbeitenden in den letzten Wochen aussah.“ Dies müsse man nicht beschreiben, heißt es weiter in der internen E-Mail. Ein enger Austausch mit dem Betriebsrat habe seit der Gewährung des Kredits weder stattgefunden, noch gebe es anvisierte Termine dafür.

Das dürfte bei den rund 12.000 Galeria-Beschäftigten ebenso für Unmut sorgen wie die Auszahlung „üppiger Boni“ an das Management trotz drohender Zahlungsunfähigkeit im März und April 2026. Besonders brisant: Zur gleichen Zeit soll unklar gewesen sein, ob die Gehälter der Mitarbeiter gezahlt werden können, wie der Branchenkenner dem Berliner Abendblatt verriet. Während die Beschäftigten Urlaubssperren hinnehmen mussten, seien einige Führungskräfte selbst im Urlaub gewesen, so der Branchenkenner empört.

Kultur der Selbstbedienung

Die Eigentümer, darunter NRDC (Family Office des US-Geschäftsmanns Richard Baker) und Bernd Beetz, hätten nach BAB-Informationen seit August 2024 rund 16 Millionen Euro aus dem Unternehmen abgezogen. Zusammen mit Management-Boni und Beraterkosten summieren sich die „Selbstbedienungskosten“ auf über 30 Millionen Euro. „Die Shareholder bedienen sich massiv. Der Geschäftsführer hat sich seinen Bonus ausgezahlt, obwohl er nicht wusste, ob die Gehälter gezahlt werden können. Das ist wie in einem Selbstbedienungsladen“, sagt der Branchenkenner.

„Das ist wie in einem Selbstbedienungsladen“

Hinzu kommt, dass zunächst ein Kredit des Minderheitsgesellschafters Bain Capital aus Los Angeles getilgt werden soll. Dem Vernehmen nach geht es dabei um etwa 80 Millionen Euro. Unklar ist, wie viel von dem neuen Kredit für Investitionen, zum Beispiel in die Galeria-Filialen, übrig bleibt. Zudem wird Geld benötigt, um Ware für die Herbst- und Wintersaison zu bestellen, was laut BAB-Information noch nicht geschehen sein soll. Zuletzt bemühte sich Galeria mit großen Rabattaktionen darum, die Umsätze anzukurbeln. „Es ist traurig. Viele Mitarbeiter wollen weg, ein paar davon sagen: Unter so einer Führung wollen wir nicht arbeiten. Und das Schlimmste? Es war alles vermeidbar“, so der Galeria-Insider. Die Frage sei nicht mehr, ob Galeria überlebt, sondern wie lange die finale Insolvenz noch hinausgezögert wird, während sich einige wenige an den letzten Resten bereichern.

Text: Alexander Ullrich

Das Berliner Abendblatt hat Galeria mit den Vorwürfen und offenen Fragen zur aktuellen Lage konfrontiert, doch eine Antwort blieb bis Redaktionsschluss aus. (Stand: 30.06.2026 – 10:30 Uhr)

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