Authentisch und liebevoll – seit gefühlten 100 Jahren eine Instanz in der Kleinmarkthalle
INNENSTADT (ES) In so manchem Reiseführer steht sie in der Liste der Hauptattraktionen Frankfurts ganz oben. Selbst in einem japanischen wird sie als Frankfurter Sehenswürdigkeit Nummer eins beschrieben, und sie ist ja auch eines der prägenden Gesichter der Stadt. Klar, dass über sie mal ein Buch geschrieben werden musste. Das hat sich der Publizist, ehemalige Geschäftsführer und Verleger bei Suhrkamp Rainer Weiss gedacht und getan. Nun ist’s erschienen. „Worscht mit Weck oder Brot? – Ilse Schreiber erzählt“ heißt es. Kennengelernt haben sich die Wurstverkäuferin und der ehemalige Verleger über einen gemeinsamen Freund vor einigen Jahren im Lokal „Herr Franz“, das Ilse Schreiber gerne besucht. Der Freund war’s dann auch, der drängte: „Jetzt mach’ mal, wir werden alle nicht jünger.“ So fing es im vergangenen Herbst an.
Sie sei nicht der Typ, der sich gern in den Vordergrund dränge. „Ich arbeite gerne“, sagt Ilse Schreiber, die das Tag ein Tag aus seit vielen Jahrzehnten in der Kleinmarkthalle tut und so zu einer festen Institution geworden ist. „Das kommt von innen – und meine Kunden merken es“, weiß die Frau, die auch als „Frau Schreiber“ oder „Wurst-Ilse“ bekannt ist, zu berichten. „Ich habe viel erlebt und aufgesaugt wie ein Schwamm.“
Auf 80 Seiten, die Ilse Schreiber noch nicht gelesen hat – fasst Weiss dieses intensive Leben zusammen – vom Kind einer Flüchtlingsfamilie zur Ikone der Frankfurter Alltagskultur. Sie durchlebt Flucht, Lager, Neubeginn im Spessart und die Jugend in Aschaffenburg. In der Mainmetropole findet sie schließlich ihre große Liebe, den Metzgermeister Hans aus der Bockenheimer Falkstraße. Mit 18 Jahren heiratet sie, arbeitet in der Familienmetzgerei und am Stand in der Kleinmarkthalle, kocht für die Belegschaft und steht über Jahrzehnte zwölf Stunden täglich hinter der Theke – während ihr Mann schwer erkrankt und die Metzgerei 1974 schließen muss.
Doch sie bleibt die Konstante: als feste Größe in der Halle, als „Worscht mit Weck oder Brot?“-Adresse und als vertrautes Gesicht für unzählige Frankfurter. Ilse Schreiber erzählt mit viel Humor, Herz und hessischem Schlag von Flucht und Wiederaufbau, vom Bockenheimer Familienbetrieb, vom Alltag in der Kleinmarkthalle, von treuen Stammkunden, Postlern und Marktkollegen – und von internationalen Fans, die extra aus Japan, Korea oder den USA an ihren Stand pilgern, um ihre „Frankfurter Worscht“ zu probieren.
Sie hofft, dass das Buch ihr dabei hilft, Verwandte zu finden. „Wenn Sie als Vierjährige flüchten, dann kennen Sie niemanden.“
„Es gab auch schwere Zeiten“, sagt sie und spricht damit die Krankheit ihres Mannes Hans an. Da habe sie eben die Ärmel hochgekrempelt. Anfang Mai ist „Worscht mit Weck oder Brot?“ im Societäts Verlag erschienen. „Frau Schreiber ist ein Stück kulinarische Heimat für Frankfurt und wir als Societäts Verlag sind die literarische Heimat für alle Menschen, die hier leben und lieben“, sagt Bianca Haag, Leiterin des Societäts Verlags, wie zusammenfand, was zusammengehört.
Vier Monate habe er gebraucht, sagt Rainer Weiss. „Ich kann nur erzählen, was ich erlebt habe, ihr seid die, die das umsetzen müssten“, sagt sie. Und Weiss beschreibt die Zusammenarbeit als sehr gut. „Ilse erzählt einfach wunderbar.“
BU: Rainer Weiss hat mit Ilse Scrheiber ein Buch geschrieben – auf dem Bild auch Bianca Haag, Leiterin des Societäts Verlags, in dem es erschienen ist. Foto: Enrico Sauda









