Andreas Tomalla gehört zu den prägenden Figuren der elektronischen Musik. Im Gespräch im Frankfurter MOMEM erzählt der DJ und Produzent DER FRANKFURTER Verlagsleiter Normann Schneider im Interview, wie aus einer Idee im Plattenladen eine weltweite Bewegung wurde.
Pionier der elektronischen Clubkultur
Talla 2XLC (bürgerlich Andreas Tomalla) zählt zu den Pionieren der elektronischen Musik in Deutschland. In den frühen 1980er-Jahren prägte der Frankfurter DJ und Produzent den Begriff „Techno“ für elektronische Musik und gründete 1984 den legendären „Techno Club“, der später im Frankfurter Club Dorian Gray internationale Bekanntheit erlangte. Als DJ, Produzent und Veranstalter prägt er die Szene bis heute und tritt weltweit auf Festivals und in Clubs auf. Zudem engagiert er sich für die Dokumentation der elektronischen Musikkultur, unter anderem im Frankfurter MOMEM – Museum of Modern Electronic Music.
Ein Museum für elektronische Musik
Das MOMEM – Museum of Modern Electronic Music in Frankfurt am Main ist eines der ersten Museen weltweit, das sich ausschließlich der elektronischen Musik und ihrer Kultur widmet. Es befindet sich an der Hauptwache im Herzen der Stadt und versteht sich als internationaler Ort für die Geschichte der Club- und DJ-Kultur. Ähnlich wie das MoMA für moderne Kunst steht, will das MOMEM die Bedeutung elektronischer Musik als kulturelle Bewegung sichtbar machen. Ausstellungen, Klanginstallationen und wechselnde Projekte zeigen die Entwicklung der Szene, von frühen Synthesizern über legendäre Clubs bis zu globalen Festivals. Gleichzeitig ist das MOMEM ein lebendiger Treffpunkt mit Workshops, Talks und Events rund um elektronische Musik.
Der Technoclub und die Geburt einer Szene
Normann Schneider traf Techno-Pionier Talla 2XLC im MOMEM – Museum of Modern Electronic Music in Frankfurt zum Gespräch über die Anfänge der Szene. Normann Schneider war selbst Programmdirektor von bei Radio RPR und erlebte die Bewegung aus nächster Nähe: mit der Kultsendung von Tillmann Uhrmacher „Maximal“ mit Liveübertragungen von der Love Parade, der Nature One und aus dem Frankfurter Club Dorian Gray. wo auch die die erste „Technoclub“-Compilation (Doppel-CD) von Talla entstand und diese Serie bis heute fortgeführt wird. Aktuell erschienen das aktuelle Doppelvinyl Jubiläumsalbum „40 Jahre Technoclub“.
Normann Schneider: Du hast erzählt, dass der Begriff „Techno“ eigentlich aus deiner Zeit im Plattenladen stammt. War dir damals klar, dass daraus einmal eine weltweite Bewegung werden würde?
Talla 2XLC: Überhaupt nicht. Für mich war das zunächst nur eine praktische Lösung. Nach meiner Lehrzeit arbeitete ich in einem Schallplattenladen im Frankfurter Hauptbahnhof, unten in der Einkaufsebene. Ich war schon damals völlig verrückt nach elektronischer Musik, bin in viele Plattenläden gefahren und habe alles gekauft, was mir gefallen hat.
… und elektronische Musik war damals noch gar nicht richtig einsortiert.
Genau. Die Platten standen überall verstreut. Die Leute kamen zu mir und fragten: „Hast du etwas Neues, Elektronisches?“ Und ich musste immer in verschiedenen Abteilungen suchen. Irgendwann dachte ich mir: Diese Musik braucht ein eigenes Fach und einen eigenen Begriff. Das war ungefähr 1982. Ich habe überlegt: Diese Sounds haben viel mit neuer Technologie zu tun, Computer, Synthesizer, elektronische Klänge. Technologie war mir aber zu lang, für den Beschriftungsreiter. Also habe ich einfach Techno als Abkürzung für technologische Musik verwendet. Und unter diesem Begriff alles Elektronische zusammengefasst: Kraftwerk, Depeche Mode und ähnliche Musik.
Und plötzlich hatte die Musik, das Genre einen Namen.
…das war mir damals natürlich überhaupt nicht bewusst, dass daraus einmal eine weltweite Bewegung entstehen würde.
Und wie wurde aus dem Plattenverkäufer ein DJ?
Das kam über eine Tanzschule in der Frankfurter Kaiserstraße. Ein Klassenkamerad von mir kam aus der Familie, der diese Tanzschule betrieb. Im Keller gab es eine kleine Diskothek, sonntags war Teenie-Dance. Dort gab es einen DJ-Wettbewerb. Ich habe mitgemacht und einen der vorderen Plätze belegt. Danach fragte mich der Betreiber, ob ich sonntags dort auflegen möchte. Das war mein erstes Engagement, für 30 Mark. Das Geld habe ich direkt wieder in neue Platten investiert.
Am Anfang lief wahrscheinlich alles querbeet.
Natürlich. Charts, Pop, alles. Aber ich habe zwischen die kommerziellen Titel immer wieder elektronische Stücke gemischt. Damals gab es gerade die Neue Deutsche Welle mit Titeln wie „Eisbär“ und ähnliche Tracks. Der Betreiber sagte manchmal: „Spiel doch die Charts.“ Aber ich hatte schon diesen elektronischen Virus.
Und irgendwann kam der Moment, an dem du gesagt hast: Diese Musik braucht ihren eigenen Ort.
1984 gab es in der Steinweg-Passage einen kleinen Kellerclub namens „No Name“. Ich ging zum Betreiber und sagte: Ich möchte hier elektronische Musik spielen. Er meinte: Dann mach ein Konzept. Ich ging nach Hause und sagte: Das nennen wir Technoclub.
So entstand der Technoclub.
Am 2. Dezember 1984 haben wir die erste Veranstaltung gemacht. Nur über Mundpropaganda. Nachmittags von etwa Viertel nach drei bis halb zehn. Und auf Anhieb waren über 300 Leute da. Danach haben wir das jeden Sonntag gemacht.
… später zog der Technoclub ins legendäre Dorian Gray am Frankfurter Flughafen.
Vorher gab es noch Zwischenstationen, zum Beispiel das Roxy. Ich habe mir nie in mein Konzept hineinreden lassen. Wenn Betreiber nicht einverstanden waren, bin ich weitergezogen. Über einen Bekannten kamen wir schließlich ins Dorian Gray. Zuerst mittwochs und gleich beim ersten Abend waren über 2000 Leute da. Mittwoch war aber schwierig für Gäste von außerhalb. Also sind wir zum Gerd Schüler gegangen und haben gesagt: Wir brauchen den Freitag.
… ihr habt ihn bekommen!
Gott sei Dank! Von etwa 1987 bis 2000 lief der Technoclub dort jeden Freitag. Teilweise mit Marathon-Events. An Ostern zum Beispiel von Karfreitagabend bis Ostermontagmittag durchgehend, mehrere Floors, internationale DJs. Im Grunde war das schon eine Art Festival.
In dieser Zeit entstand auch ein Magazin, das später Kultstatus bekam.
Das legendäre „Frontpage“. Wir hatten irgendwann so viele Informationen über Tracks, Events und DJs, dass ein Flyer nicht mehr ausreichte. Also haben wir ein kleines Heft gemacht. Am Anfang DIN-A5, mit Charts, Reviews und Veranstaltungstipps. Das kam so gut an, dass es immer größer wurde. „Frontpage“ entwickelte sich zu einem der wichtigsten Magazine für elektronische Musik in Deutschland.
Irgendwann kam der Mauerfall und der große Techno Boom.
In der Tat. 1990 und 1991 war ein Wendepunkt. Berlin ist regelrecht aufgewacht. Plötzlich waren ganz neue Locations da, viele junge Menschen suchten nach einem neuen Sound. Techno passte perfekt in diese Zeit. Von Berlin aus verbreitete sich die Szene über ganz Deutschland und später international.
Ihr seid damals auch früh Teil der Loveparade.
Wir haben viele Busse aus Frankfurt organisiert und sind nach Berlin rüber. Beim ersten Mal waren vielleicht 6000 Leute dort. Wenige Jahre später waren es Hunderttausende. Die Loveparade war extrem wichtig für die Szene. Menschen aus ganz Deutschland und aus der ganzen Welt kamen zusammen, feierten diese Musik und nahmen sie wieder mit in ihre Städte.
Heute spricht man oft über Festivals mit Hunderttausenden Besuchern.
Ich durfte viele erleben. Beim Tomorrowland in Belgien war ich zweimal. Mein größter Auftritt war wahrscheinlich beim Electric Daisy Carnival in Las Vegas mit etwa 500.000 Besuchern. Das ist eine unglaubliche Dimension.
Die wirtschaftlichen Strukturen haben sich stark verschoben. Die Art, wie in der Musik Geld verdient wird, funktioniert heute komplett anders als früher ….
Yepp. Früher konntest du von Plattenverkäufen leben. Eine Single verkaufte vielleicht 5000 bis 15000 Exemplare. Heute läuft fast alles über Streaming und das bringt Künstlern sehr wenig Geld. Platten sind heute meist nur noch ein Mittel zur Promotion, auch wenn es weiterhin viele gibt, die Vinyl in der elektronischen Musik bewusst bevorzugen. Neue Titel starten heute in der Regel digital.
Hat sich technisch das Auflegen verändert.
Früher spielte man Vinyl. Später CDs, heute meist USB-Sticks. Aber das Prinzip ist gleichgeblieben. Ein DJ muss die Stimmung im Raum lesen. Ich bereite vielleicht 60 oder 70 Tracks vor, entscheide aber spontan. Ein gutes Set erzählt eine Geschichte: Anfang, Entwicklung, Höhepunkt.
Ein wichtiger Teil der Szene lief damals auch über das Radio. Vor allem über die Sendung mit Tillmann Uhrmacher.
Tillmann war eine Schlüsselfigur der deutschen Dance-Szene. In seiner Sendung „Maximal“ hat er elektronische Musik einem großen Publikum nähergebracht. Ich war dort öfter zu Gast, wir haben neue Tracks vorgestellt und über die Szene gesprochen. Für viele Hörer war das damals eine der wenigen Möglichkeiten, neue elektronische Musik kennenzulernen.
Er hat in dieser Zeit auch den Technoclub mitgetragen. Etwa durch die Präsentation der Technoclub-CDs in seiner Sendung und durch Livesendungen. Damit war er ein wichtiger Teil der Veröffentlichung und hat geholfen, den Technoclub überhaupt erst in die Breite zu bringen.
Neben Festivals und Clubs gibt es inzwischen auch ein Museum für elektronische Musik in Frankfurt.
Die Idee für das MOMEM – Museum of Modern Electronic Music entstand etwa 2011, als ich über das Goethe-Institut unterwegs war und merkte, wie groß das Interesse an elektronischer Musik weltweit ist. Gleichzeitig gab es kaum Orte, die diese Geschichte dokumentieren. Es dauerte etwa zehn Jahre, bis das Museum schließlich eröffnet wurde.
Es ist aber mehr als ein klassisches Museum.
Es ist ein Treffpunkt für die Szene. Es gibt Ausstellungen, Workshops, DJ-Workshops, Lesungen, Filmabende und Veranstaltungen.
Bei all den Reisen und Auftritten bleibt Zeit für das Privatleben?
Ich lebe relativ bewusst. Ich rauche nicht, trinke keinen Alkohol und nehme keine Drogen. Das war mir immer wichtig. Und ich plane meine Reisen so, dass ich auch Zeit zu Hause habe.
Impressionen vom Event „40 Jahre TECHNOCLUB“ in Offenbach (8. Dez. 2024/Fotos: BT) – noch mehr Fotos unter 40 Jahre Technoclub – Der Frankfurter
Deine Managerin ist deine Frau Wafa.
Wafa: Ja, ich kümmere mich um Booking, Verträge und Öffentlichkeitsarbeit. Mir ist wichtig, dass Talla den Raum bekommt, den er verdient. Für ihn ist das Musikmachen eine Berufung.
Gab es einmal eine besonders schwierige Situation?
Wafa: Bei einem Festival in Danzig warteten viele Künstler und ihre Manager vor einem kleinen Container auf die Auszahlung der Gagen. Niemand bekam Geld, alle standen draußen und warteten. Ich bin schließlich hineingegangen und habe gesagt: „Ich gehe erst wieder raus, wenn die Gage bezahlt ist.“ Auf dem Tisch lag ein großer Stapel Bargeld. Am Ende habe ich die Gage tatsächlich bekommen – und draußen wollten alle wissen, wie ich das geschafft habe.
Du hattest früh das Gefühl, dass ihr Teil einer größeren Geschichte seid.
Wafa: Schon auf der Loveparade habe ich gesagt: Wir schreiben hier gerade Geschichte. Deshalb wollten wir diese Entwicklung auch dokumentieren unter anderem in einem Buchprojekt. Darin geht es nicht nur um Tallas persönliche Geschichte, sondern auch um die Entstehung der elektronischen Clubkultur in Frankfurt und in Deutschland. „Am Anfang war der Technoclub“, gibt’s bei Amazon.
Titelfoto: SSL Sunshine Live Retroactive am 28.03.2026 in Mannheim. Foto: Thomas Niedermüller / www.niedermueller.de









