Oberbürgermeister Mike Josef über Wachstum, soziale Balance, mutige Infrastrukturprojekte – und seine Vision einer offenen, lebenswerten Metropole.

RÖMER (BT) Wohnraum, Verkehr, Sicherheit, Lebensqualität: Die Herausforderungen für Frankfurt sind vielfältig. Im Gespräch mit DER FRANKFURTER erläutert Oberbürgermeister Mike Josef, welche Projekte die Stadt langfristig prägen sollen – und warum wirtschaftliche Stärke und sozialer Zusammenhalt zusammengehören. Seit gut zwei Jahren steht er an der Spitze der Stadtverwaltung. Wie blickt er selbst auf diese Zeit zurück – und welche Momente sind ihm besonders in Erinnerung geblieben?

DER FRANKFURTER: Wenn Sie heute auf Ihre bisherige Amtszeit zurückblicken: Was hat Sie am meisten überrascht?

Mike Josef: In den ersten beiden Wochen meiner Amtszeit hatte ich 1.400 Terminanfragen. Mit dieser Zahl hatte ich dann doch nicht gerechnet.
Was war für Sie persönlich bisher der aufregendste Moment als Oberbürgermeister?
Hier fällt es mir schwer, den einen aufregendsten Moment herauszupicken. Natürlich gab es viele spannende große Veranstaltungen, an denen ich teilnehmen durfte. Aber das, was meine Arbeit am aufregendsten macht, sind immer die Begegnungen und Gespräche mit den Menschen. Man merkt, wie unterschiedlich die Sicht der Frankfurterinnen und Frankfurter auf verschiedene Themen sein kann. Das ist natürlich eine Herausforderung, aber es macht das Amt des Oberbürgermeisters so besonders.

Am 15. März sind Kommunalwahlen, was geben Sie den Wählern und Wählerinnen mit auf den Weg?

Auf kommunaler Ebene entscheidet sich extrem viel. Es sind die Themen, die direkt vor der Haustüre der Menschen stattfinden. Wählen zu gehen ist also besonders wichtig, um mitzubestimmen, wie sich Frankfurt weiterentwickeln soll. Demokratie ist natürlich mehr, als einmal alle paar Jahre sein Kreuz zu setzen. Trotzdem ist es ein wichtiger Ausdruck demokratischer Teilhabe und die Voraussetzung für die die politische Zukunft unserer Stadt.

Gab es einen Augenblick, in dem Ihnen besonders bewusst wurde: Diese Entscheidung ist wichtig für Frankfurt?

Im Dezember haben wir gemeinsam mit wechselnden Mehrheiten wegweisende Infrastrukturprojekte auf den Weg gebracht: Die Einhausung der A661 und den neuen Stadtteil. Das war extrem wichtig. Sie geben Vertrauen in demokratische Prozesse. Wichtig ist aber auch: Bei solch langjährigen Prozessen ist es nicht zielführend, immer wieder neue Debatten zu eröffnen. Dass wir hier einen Konsens gefunden haben, der auch mit den größten Oppositionsfraktionen geschlossen wurde, gibt uns langfristige Sicherheiten.
Welche Entscheidung Ihrer Amtszeit wird Frankfurt Ihrer Meinung nach langfristig prägen?
Es gibt ganz viele Entscheidungen, die Frankfurt nachhaltig prägen werden: Der neue Stadtteil wird den Wohnungsmarkt entlasten, da hier bezahlbarer Wohnraum entsteht. Der Neubau der Städtischen Bühnen stellt unsere Kulturlandschaft besser auf. Die geplante Multifunktionshalle bedeutet mehr Sicherheiten für den Profisport in Frankfurt. Mit dem Erzieherinnenzuschlag haben wir eine bedeutende Wertschätzung für den Beruf umgesetzt. Aber auch für den ÖPNV haben wir viel getan, einmal was die Preise für Einzelfahrten und Kindertickets angeht, aber auch was die Erreichbarkeit angeht, etwa durch die Verlängerung der Linie U4.

Was hat sich in der Stadt vielleicht leiser verändert, als viele wahrnehmen – aber nachhaltig?

Der Wohlfühlfaktor in Frankfurt hat deutlich zugenommen. Das zeigen drei Untersuchungen aus 2025: The Economist, Mercer und Numbeo haben Analysen dazu veröffentlicht, was eine Stadt lebenswert macht. Im weltweiten Vergleich belegt Frankfurt hierbei den achten Platz – deutlich vor allem anderen deutschen Städten und vor vielen Millionen-Metropolen der Welt. Hieraus ergibt sich ein gewisser Trend: Frankfurt wird bei Touristen zunehmend interessanter und beliebter. In der öffentlichen Debatte vermisse ich manchmal den Blick für die hohe Lebensqualität. Ich finde, wir sollten uns nicht kleiner machen als wir sind.

Gab es Entscheidungen, die Mut erfordert haben – und bei denen Sie heute sagen: Es war richtig?

Ich glaube, dass Mut nicht ganz das richtige Wort ist. Aber eines habe ich schon während meiner politischen Arbeit während des Studiums gelernt, in der ich mich vor allem gegen die Einführung der Studiengebühren eingesetzt habe: Prägende Entscheidungen funktionieren in der Regel nicht ohne Widerstand. Demokratie ist immer ein Kampf um unterschiedliche Interessen und die Organisation von Mehrheiten. Und oft ist es eben nicht so, dass immer alle an einem Strang ziehen, selbst dann, wenn man sich im Kern einer Sache einig ist. Politik bedeutet, Entscheidungen zu treffen, sie zügig umzusetzen und dafür Verantwortung zu übernehmen.

Wo haben Sie bewusst neue Wege eingeschlagen?

Insbesondere im Bahnhofsviertel sind wir neue Wege gegangen. Wir haben wichtige Entscheidungen getroffen, um die Sicherheit im Allgemeinen, aber auch das subjektive Sicherheitsempfinden der Menschen zu erhöhen. Mittlerweile gibt es eine gute Kooperation von Stadtpolizei und VGF mit DB, Landespolizei und Bundespolizei. Wir haben eine Waffenverbotszone eingeführt, Kameras installiert und Reinigungsintervalle erhöht. Wir sind natürlich noch nicht da, wo wir sein wollen, aber es gibt eine spürbare Verbesserung, insbesondere in der Kaiserstraße und der Münchener Straße.

Wenn wir in fünf Jahren wieder zusammensitzen: Woran würden Sie merken, dass Frankfurt auf dem richtigen Weg ist?

Das würde sich vor allem daran bemerkbar machen, dass wir zum einen weiterhin ein starker Wirtschaftsstandort sind und zum anderen weiterhin eine Stadt mit hoher Lebensqualität. Eine starke Wirtschaft sichert die soziale Stadt. Und natürlich ist auch ein wichtiger Faktor, dass wir bei den bereits beschlossenen Projekten, egal ob nun im Bereich Infrastruktur, Kultur oder auch Schulen, essenziell vorangekommen sind.

Welche Themen werden die Stadt in den kommenden Jahren besonders fordern – und stärken?

Eine besondere Herausforderung wird es, den Spagat zwischen wirtschaftlicher Stärke und sozialem Zusammenhalt hinzubekommen. Deswegen fassen wir immer wieder Beschlüsse, die für mehr Chancengleichheit sorgen, insbesondere für Kinder und Jugendliche: Das letzte Krippenjahr ist kostenlos, außerdem haben Kinder und Jugendliche bis 18 Jahre freien Eintritt in unsere Museen und den Zoo sowie bis 14 Jahre in unsere Schwimmbäder. Frankfurt muss eine lebens- und liebenswerte Stadt bleiben.

Welches Projekt liegt Ihnen persönlich besonders am Herzen – und warum?

Mir liegt der Erzieherinnenzuschlag besonders am Herzen. Erzieherinnen und Erzieher verrichten eine unglaublich wichtige Arbeit. Dafür haben sie sich auch mehr Gehalt verdient. Wichtig war mir insbesondere, dass wir nicht nur Lippenbekenntnisse machen, sondern den Menschen eine spürbare materielle Wertschätzung geben. Erzieherinnen und Erzieher leisten einen wesentlichen Beitrag für das Gelingen in unserer Stadt und dafür verdienen sie eine Anerkennung. Und: Mehr Geld heißt auch, dass wir bessere Chancen haben, offene Stellen zu besetzen.

Beenden Sie bitte diesen Satz: In zehn Jahren steht Frankfurt für…………

…Offenheit und Internationalität. Das ist ein essenzieller Teil unserer Identität. In Frankfurt darf der Mensch einfach Mensch sein, unabhängig davon, welchen Glaubens, welcher Herkunft oder welchen Geschlechts jemand ist.

Das Gespräch führten Normann Schneider, Verlagsleiter, und Beate Tomann, Redaktionsleiterin.

Fotos: Beate Tomann

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