„Kreative Prozesse haben einen besonderen Zauber an sich und man kann darüber ganz schnell Gemeinsamkeiten finden“ – Marika Specker, Ehrenamtliche bei Über den Tellerrand Frankfurt, im Interview
Für uns bei DER FRANKFURTER spielt das soziale Engagement in unserer Stadt eine wichtige Rolle, deshalb haben wir uns für regelmäßige Spendenprojekte entschieden, bei denen wir einen Teil unserer Anzeigenerlöse wohltätigen Organisationen in Frankfurt widmen. Alle vier bis acht Wochen stellen wir hier eine neue gemeinnützige Organisation oder einen Verein vor und schaffen damit nicht nur Sichtbarkeit, sondern sammeln gleichzeitig Spenden.
Momentan stellen wir Ihnen „Über den Tellerrand Frankfurt e. V.“ vor. Der Verein leistet vielschichtige Integrationsarbeit in ganz Frankfurt. In dieser Ausgabe sprechen wir mit Marika Specker, die ehrenamtlich im Verein tätig ist. Alle vorangegangenen Beiträge finden Sie unter der Rubrik Charity.
Liebe Frau Specker, wann und wie sind Sie zu Über den Tellerrand in Frankfurt gekommen?
2023 wurde ein Pilates-Event im Grüneburgpark angeboten, an dem ich teilnehmen wollte. Leider regnete es an diesem Tag und das Event konnte nicht stattfinden, aber ein Gutes hatte es dennoch: ich habe nämlich erkannt, dass hier bei mir um die Ecke viele Events von „Über den Tellerrand“ angeboten werden. Dann war ich mal bei einem Spieleabend dabei, anschließend bei einem Tanzabend für Frauen und bei einer Infoveranstaltung, bevor ich dann selbst aktiv mit Events ehrenamtlich eingestiegen bin. Weil ich freiberuflich auch Workshops mache, fühlte ich mich auch bei Über den Tellerrand damit gut aufgehoben. Ich war zu der Zeit ohnehin auf der Suche nach einem weiteren Ehrenamt, da ich zuvor bei einer digitalen Plattform zum Deutschlernen mitgemacht hatte, aber mir etwas Aktiveres wünschte.
Wie genau sieht nun Ihre ehrenamtliche Tätigkeit im Verein aus?
Ich biete die regelmäßig stattfindende Kreativ-Werkstatt in unserer Heimatküche in Bockenheim an. Diese Workshops laufen immer ähnlich ab, haben aber verschiedene Schwerpunkte und Themen, mit denen wir uns in einer Gruppe von bis zu 20 Teilnehmenden in der Zeit – meistens 2 bis 3 Stunden am Abend – beschäftigen.
Ich bringe immer meine Flipcharts mit, mit denen ich die jeweilige Agenda vorstelle. Anschließend gibt es eine kurze Kennenlernübung und die Möglichkeit, sich auszutauschen. Wobei sich mittlerweile auch viele schon kennen, da sie regelmäßig dabei sind. Ich habe dann auch immer ganz viele verschiedene Materialien, Papiere, Stifte u.s.w. dabei und da können alle am Anfang erstmal alles ausprobieren und testen, was zu ihnen passt, was ihnen Spaß macht. Manchmal sind die Menschen an dem Punkt auch schon so ins Kreative eingetaucht, dass ich das Kennenlernen weglasse. *lacht*
Der Workshop soll vor allem ein Ort der Leichtigkeit und Unbeschwertheit sein, an dem man einfach eine schöne Zeit haben und miteinander lachen kann, ohne bestimmtes Ziel und Anforderungen. Alle können mitmachen.
Ich finde, dass gerade kreative Prozesse immer so einen besonderen Zauber an sich haben und man darüber auch ganz schnell Gemeinsamkeiten findet, wenn man über die Werke ins Gespräch kommt. Besonders das Gespräch zum Schluss über die Gefühle, Wirkungen und inneren Prozesse und einfach auch zu sehen, wie Menschen sich untereinander darüber austauschen, ist immer wunderschön. Mir geht es darum, dass die Atmosphäre die Menschen trägt und dass die Teilnehmenden mit dem Ergebnis oder dem Prozess beschwingt sind am Ende und zufrieden nach Hause gehen.
Vielen fällt genau dieser Prozess schwer und sie schaffen es nicht, ihre Erwartungen zu Papier zu bringen. Der innere Kritiker ist zu laut. Da setze ich zum einem auf Einzelbetreuung, aber auch wieder auf das Gruppengespräch. Vieles lässt sich durch direktes Feedback und neue Ideen schon wieder ausräumen. Auf eine Bewertung der kreativen Arbeiten verzichten wir im Workshop komplett – das ist sozusagen eine „Red Flag“.
Was gefällt Ihnen an der Arbeit mit Über den Tellerrand besonders?
Das gute Gefühl, das ich in der Kreativ-Werkstatt vermitteln möchte, schafft einen Zusammenhalt, schafft Gemeinschaft und Platz für neue Ideen und Entwicklungsmöglichkeiten. Für mich ist das eine gute Möglichkeit, mich im Kleinen für Dinge einzusetzen, die auch im Großen angegangen werden müssen.
Ein größerer Zusammenhalt und die bessere Vernetzung von gemeinnützigen Organisationen im Rhein-Main-Gebiet wären nicht nur unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten hilfreich, sondern würden auch hier mehr Unterstützung bieten und Zusammenhalt schaffen.
Ich versuche das auch im Privaten so gut es geht umzusetzen, indem ich mich immer wieder außerhalb meiner gewohnten Kreise und meiner Komfortzone bewege. Mein Verständnis von Integration hört nämlich nicht irgendwo auf, man muss viel mehr die Augen immer offenhalten und darf den Blick für Neues nicht verlieren. Neue Eindrücke sind ein Geschenk und erweitern den Horizont.
Über den Tellerrand ist da eine super Organisation, die es viel mehr Menschen ermöglicht mit anderen Kulturen und Menschen in Kontakt zu treten, mit denen man andernfalls wenig Berührungspunkte hätte. Solche Begegnungen und niederschwellige Angebote brauchen wir. Ich hoffe, dass die positiven Erfahrungen der Menschen hier dazu führen, dass sich die Angebote immer weitertragen. Solange ich dazu beitragen kann und Menschen dafür begeistern kann, bin ich mit vollem Einsatz dabei. Wir haben viel vor!
Welcher Moment wird Ihnen immer in Erinnerung bleiben?
Bei der ersten Kreativ-Werkstatt hatte ich ein Flipchart mit Tieren dabei und die Fragestellung des Workshops war damals „Welches Tier repräsentiert deine Eigenschaften am besten?“ Während viele sich mit schönen Tieren wie dem Schmetterling oder dem Delfin identifizierten, war einer Teilnehmerin, die ursprünglich aus Ostasien stammte, sofort klar, dass es bei ihr die Ameise sein musste: fleißig, wissbegierig und hart arbeitend. Wir haben dann in der Gruppe über die Entscheidungen gesprochen und auf welcher Grundlage diese getroffen wurden und am Ende noch einmal gefragt, ob die Teilnehmenden weiterhin mit ihrer Entscheidung zufrieden sind. Und bei dieser Teilnehmerin hatte sich tatsächlich ein Umdenken eingestellt und nun war sie doch auch eher beim Schmetterling, da auch seine Eigenschaften sie faszinierten. In der Gruppe wurden durch den kreativen Austausch noch einmal ganz neue Perspektiven eröffnet und diese Atmosphäre ist einerseits super spannend und andererseits auch entspannend, da man im Kreativen auch loslassen und sich mit sich selbst beschäftigen kann.
Was wünschen Sie sich für die Zukunft?
Ich wünsche mir mehr Mut für neue Erfahrungen, mehr Mut für Diversität. Ich wünsche mir, dass wir gemeinsam an gesellschaftlichen Themen arbeiten, dafür Räume schaffen, zusammenfinden und über die soziale Rolle hinaus, über den Beruf hinaus neugierig auf andere Menschen und Geschichten bleiben. Denn wir können nur zusammenrücken, wenn wir uns ernsthaft füreinander interessieren und Lust am Austausch haben.
Wenn man nur ein oder zwei Menschen das Gefühl geben kann, dass sie sich heute wohlgefühlt haben, sich selbst gespürt haben, als Mensch mit allen Facetten und nicht nur als Arbeitskraft, dann ist das schon sehr viel wert. Da kann man schon stolz auf sich sein. Für mich ist dieses Gefühl eine richtige Energietankstelle.
Mitmachen und Teil des Teams werden?
Hier können Sie Kontakt aufnehmen:
Über den Tellerrand Frankfurt e.V., Leipziger Straße 36, 60487 Frankfurt am Main
www.ueberdentellerrand.org/frankfurt
Telefon: 069 8720 6877
E-Mail: frankfurt@ueberdentellerrand.org
Instagram: frankfurt_ueber_den_tellerrand
Der Verein freut sich immer über Einzel- oder Dauerspenden. Wenn Sie möchten, gerne über die Online-Spendenplattform betterplace: betterplace.org/p34273
// Titelfoto: Marika Specker mit einem Teilnehmer bei der Kreativ-Werkstatt. © Über den Tellerrand Frankfurt e. V.